OF HARMONY AND DISREPAIR // 2023 // KWS Newcomer Art Lounge, Einbeck (SOLO)

Kunst als Vermittlungsinstrument

 

Von Alexander Leinemann, Kunsthistoriker

 

»Erkennen im Sinne der Kunst heißt […] nicht, ein schönes Bild

aus der eigenen subjektiven Imagination zu gestalten, sondern

eine neue relevante Ordnung wahrzunehmen und sichtbar zu

machen.«1

 

Allzu oft ist die Erinnerung an Vergangenes ein verlockendes

Gut. Nicht nur fordert das zeitlich rückgewandte Denken eine

damit einhergehende Form der Verklärung. Die nostalgische

Rückbesinnung fördert zugleich eine in der gegenwärtigen

Rückschau angelegte Vermutung von sehnsuchtsvoller

Hoffnung. Getreu des Glaubens, im Früher eine qualitativbessere

Form des Jetzt ausmachen zu wollen, wird der

gegenwärtige Erkennungsprozess alleinig ebendieser

Prämisse unterstellt. Das Resultat ist ein Trugschluss, dessen

weitreichende Vehemenz alles, was mit seinem verinnerlichten

Glauben erschlossen wird, der Verlockung aussetzt, Lösungen

alleinig in der Vergangenheit zu erhalten.

Der Mensch hat verstanden, dass der zeitliche Abstand

bisweilen zu Einsicht und Klarheit führt. Dennoch bleibt

in diesem Prozess die Fragestellung präsent, wie mit der

neugewonnenen Einsicht umzugehen ist. Denn nur, weil

eine übergeordnet bestehende Komplexität erkannt wurde,

bedeutet dies nicht, dass auch ein Zugang zu ebendieser

hergestellt werden konnte. Das Ziel müsste zunächst sein,

in der Reflektion des eigenen Standpunktes zu erkennen,

dass die eigene Position nicht alleinig für sich steht, sondern

in einem Zusammenschluss unzähliger Gegebenheiten

Bestand erfährt. Doch das menschliche Denken, und das

zeigen vergangene, gegenwärtige und wohl auch zukünftige

Entscheidungen, generiert das wohl größte Problem aus

seiner eigenen Komplexität erfolgend, glaubt es, Erdachtes in

deckungsgleicher Manier auf die Realität übertragen zu können.

Die ideale Allmacht der Gedanken gelangt dabei wiederkehrend

an ihre Grenzen, wodurch eine unumgängliche Fragestellung

zurückgelassen wird: Wie kann der Mensch auf das antworten,

für das es keine allgemeingültige Lösung gibt?

Das Werk der in Lüneburg geborenen Künstlerin Katharina

Kühne (*1992) nähert sich der Beantwortung dieser niemals

vollends zu beantwortenden Frage an. In unterschiedlich

gewählten Ausdrucksformen – Malerei, Skulptur, Installation –

schuf die Künstlerin nicht nur ein außerordentlich facettenreiches

Oeuvre eindringlicher Kunstgegenstände: Kühne verhandelt in

Bezug zu dem, was bisweilen nur mit erhofft-verheißungsvollen

Scheinlösungen bedacht wird, einen durch das Mittel der Kunst

ermöglichten und auf mehrperspektivische Art und Weise

stattfindenden Prozess der Annäherung. Die Arbeiten Kühnes,

ob es großformatige Gemälde, skulpturale Ausformungen

oder kleinteilige Spiegelinstallationen sind; all diese Werke

eint eine Existenz, die sich fern der reinen Imagination und

Vorstellungskraft befindet. Durch stete assoziative Rückschlüsse

auf Realbefindliches der Natur – Korallen, Krater, Geäst,

Buschwerk etc. – ergibt sich zwar für die Betrachtenden eine

verheißungsvolle Sicherheit der wiedererkennenden Rezeption:

»Das erinnert mich aber an ...«. Wird der projizierenden

Wiedererkennung vergangener Erwartungen innerhalb der

Rezeption der Werke der Vorrang gewährt, so verweilt die

Erschließung jedoch in einem Zustand, der sich alleinig dem

Was, nicht aber dem Wie einer kontextabhängigen Entwicklung

zuwendet.

Kühnes Kunstwerke mögen zwar den Anschein erwecken,

an bekannte Gegebenheiten des eigenen Bildgedächtnisses

zu erinnern. In ihrer materialisierten Form findet sich

jedoch ein Findungs- und Abstraktionsprozess wieder,

der verdeutlicht, dass Kunst ein essenzielles Mittel in der

Auseinandersetzung mit einem überall befindlichen Mehr an

ersichtlich werdender Komplexität ist. Das »Spannungsfeld

zwischen Intention und dem unweigerlichen Mehr«2, all dem,

was der Mensch nur anhand ausweichend-stellvertretend

formulierter Begrifflichkeiten – Chaos, Zufall etc. – in Ansätzen

zu kontextualisieren in der Lage ist, erhält in Katharina Kühnes

Kunst eine bleibende und zugleich verweisende Position.

Die Assoziation generiert den Zugang, eröffnet dem Denken

den Einstieg und führt den Bestandteil der der materiellen

Form zugrundeliegenden Intention vor Augen. Darüber hinaus

sind es aber die in die Form eingeschriebenen Feinheiten,

gestützt durch ein akzeptierendes Bestehen eines Mehr

der zu verhandelnden Gegebenheiten der Realität, eröffnen

sie jedoch den gedanklichen Diskurs und führen zu der

grundlegenden Prämisse: Die Kunst Katharina Kühnes fügt

sich wissentlich, intendiert und gewollt in die gegenwärtigen

Auseinandersetzungen mit den komplexen Themenfeldern

unserer Zeit ein. Ihre Arbeiten weisen darauf hin, dass Kunst

dazu in der Lage sein kann, als zwischen Vergangenheit,

Gegenwart und Zukunft fungierendes Vermittlungsinstrument

die Grenzen und Möglichkeiten des menschlichen Geistes

offenzulegen: »Denken muss in Teillösungen operieren, da es

das Ganze [die Realität, A. L.] nicht erfassen kann.«3

1 Linde, Almut: Radical Beauty. Form und Erkenntnis. Eine Künstlertheorie,

Hamburg 2018, S. 67.

2 Almut Linde zit. n.: Eisenmann, Martin: „Radical Beauty: Eine kurze Geschichte

über das Werk von Almut Linde“, in: Ausst. Kat. Remscheid/Lübeck/Braunschweig/

Salamanca/Cardiff/Erlangen 2012–2014, S. 9–13, hier: S. 9.

3 Linde 2018, S. 15.

Art as an instrument of mediation

 

By Alexander Leinemann, Art historian

 

“To recognize in terms of art does [...] not mean to create a

beautiful picture from one’s own subjective imagination, but to

perceive and reveal a new relevant order.”1

All too often, the memory of the past is a tempting resource.

Not only does thinking backward in time demand an

inherent form of romanticization. At the same time, nostalgic

recall fosters a sense of yearning hope implicit in present

retrospection. True to the belief that a qualitatively better form

of the now is to be found in the past, the present process of

perception is subordinated solely to this premise. The result is

a fallacy that vehemently exposes everything that is explored

with its internalized faith to the temptation to find solutions

solely in the past.

One has come to understand that the distance in time

sometimes leads to insight and clarity. Nevertheless, the

question of how to deal with the newly gained insight

remains prevalent in this process. The fact that an underlying

complexity has been recognized does not mean that access

to this complexity has been achieved. The goal would have to

be first to recognize while reflecting on our perspective that our

individual opinion does not stand for itself alone, but that it is

a combination of innumerable circumstances. But the human

thinking, and this is shown by past, present and probably also

future decisions, generates the probably biggest problem

from its own complexity: it believes to be able to transfer

the imagined in identical manner to the reality. The idolized

omnipotence of thoughts reaches its limits again and again,

though, which leaves an unavoidable question: How can an

individual respond to that for which there is no universally valid

solution?

The work of Lüneburg-born artist Katharina Kühne (*1992)

brings us closer to answering this question, which can never

be fully resolved. In variously chosen forms of expression –

painting, sculpture, installation – the artist not only created

an extraordinarily multifaceted oeuvre of striking art objects:

Kühne negotiates, in relation to what is sometimes only

provided with hopefully-promising illusory solutions, a process

of approach enabled by the means of art and taking place in

a multi-perspective manner. Kühne’s works, whether they are

large-format paintings, sculptural formations or small-scale

mirror installations; all of these works are united by an existence

that is far removed from pure imagination and conception.

Through constant associative references to the realities of

nature – corals, craters, branches, bushes, etc. – a promising

certainty of recognition arises for the viewer: “But this reminds

me of ...”. If the projective recognition of past expectations is

given priority within the reception of the works, however, the

exploration dwells in a state that turns solely to the what, but

not to the how of a context-dependent development.

Kühne’s artworks may appear to recall familiar features of the

viewer’s pictorial memory. In their materialized form, however,

a process of discovery and abstraction can be found, which

illustrates that art is an essential means in the encounter

with a universal increase in apparent complexity. The “field

of tension between intention and the inevitable extra”2, all

that which can only be partially contextualized by means of

evasively representative terms – chaos, coincidence, etc. – is

given a permanent and at the same time referential position

in Katharina Kühne’s art. The association generates access,

provides the entry point for reflection, and introduces the

component of the intention underlying the material form.

Beyond that, however, it is the subtleties inscribed in the

form, supported by an acceptance of an extra of reality to

be negotiated, that open up the discourse of thought and

lead to the fundamental premise: Katharina Kühne’s art

knowingly, intentionally, and deliberately inserts itself into the

contemporary confrontations with the complex issues of our

time. Her works indicate that art can be capable of revealing

the limits and possibilities of the human mind as an instrument

of mediation functioning between past, present, and future:

“Thinking must operate in partial solutions, since it cannot

grasp the whole [reality, A. L.].”3

1 Linde, Almut: Radical Beauty. Form und Erkenntnis. Eine Künstlertheorie,

Hamburg 2018, S. 67.

2 Almut Linde zit. n.: Eisenmann, Martin: „Radical Beauty: Eine kurze Geschichte

über das Werk von Almut Linde“, in: Ausst. Kat. Remscheid/Lübeck/Braunschweig/

Salamanca/Cardiff/Erlangen 2012–2014, S. 9–13, hier: S. 9.

3 Linde 2018, S. 15.

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