PASTEL BRANCHES

2023 - fortlaufend

WERKSERIE (Unterschiedliche Maße)

Acryl auf Leinwand

Dr. Alexander Leinemann

Katharina Kühnes Malerei – Nicht nur der Moment, sondern auch seine Auswirkungen

Das Element des Wassers fasziniert den Menschen seit Jahrhunderten: die tosenden Meereswellen, die mit jeder sich brechenden Welle die rohe Kraft der Natur widerspiegeln; die ruhende Oberfläche eines Bergsees, die als Spiegel fungierend die Grenzen zwischen Himmel und Erde verschwimmen lässt; das nebensächliche Rinnsal am Wegesrand, das unumgänglich auf die ewig währende Dynamik der Natur verweist. All diese Naturphänomene ereignen sich zu jeder Sekunde, in der der Mensch auf diesem Planeten verweilt. Für ihn relevant werden sie jedoch nur, wenn er sich ihnen aktiv widmet. Erst dann wird das Element des Wassers zum Bestandteil einer Auseinandersetzung, in der das Anorganische einem umfangreichen Formwillen unterstellt wird. Dieser Wille ist zum einen rein funktional, überführt er das lebensnotwendige Element auf eine nutzungsorientierte Ebene, die aus dem Ungeformten einen konsumierbaren Gegenstand werden lässt. Zum anderen wird Wasser zum Anschauungsobjekt eines interpretatorischen Prozesses, dessen Ergebnisse in dem münden, was wir heute in unzähligen Bildern bewundern können.

Während es Malern wie beispielsweise William Turner (1775–1851) gelang, die Zerstreutheit des menschlichen Wahrnehmungsprozesses angesichts aufsteigender Dunstschwaden malerisch einzufangen, zeigt „Die große Welle vor Kanagawa“ (1830–32) von Katsushika Hokusai (1760–1849) eindrucksvoll den Moment der höchsten Konzentration, in dem sich die Kräfte der Natur gesammelt haben und jede Sekunde drohen auszubrechen.

Zahlreiche Kunstschaffende haben den Moment, in dem das Element des Wassers für sie präsent wurde, in ihren Bildern auf statische Weise festgehalten. Im Gegensatz dazu verwendet die deutsche Künstlerin Katharina Kühne die anorganische Substanz, um dessen dynamische und selbstregulierende Eigenschaften zu einem Bestandteil ihrer Arbeiten werden zu lassen. Dabei zeigen sich keine stilisierten Darstellungen von sich auftürmenden Wassermassen, sondern vielmehr eine allumfassende Präsenz des Elements, die uns bisweilen an eigens gemachte Erfahrungen erinnert.

Lässt sich Feuchtigkeit malen?

Ein Zustand von Feuchtigkeit sorgt bei vielen Menschen für ein gegensätzliches Spannungsverhältnis. Lässt nach einem trocknen Sommer eine wiedereinsetzende

Nässe die Landwirtschaft aufatmen, sorgt eine plötzlich aufsteigende Feuchtigkeit im Mauerwerk der eigenen vier Wände für ein langfristiges Schreckensszenario. Feuchtigkeit ist ein Zustand, der den Menschen dazu bewegt, den damit verbundenen Moment zu hinterfragen, inwiefern es dazu kommen konnte und welche Auswirkungen das Gegenwärtige haben wird. Will man diesen Zustand in einem Gemälde darstellen, befindet man sich aber vor einem Problem; erzeugt jegliche Form technischer Versiertheit nur einen abermalig statischen Bildmoment, der sich einer gedachten, abbildhaften Illusion zuwendet. Katharina Kühnes Werke wie beispielsweise „Branching Life“ (2024), „Branching Decay“ (2024), „Flourishing Renewal“ (2024) oder die vierzehnteilige Serie „Floral Dissolution“ (2024) entziehen sich dem Abbildhaften und schlagen einen gänzlich anderen Weg ein.

Immer dort, wo man es nicht erwartet

Zwischen Abstraktion und in Teilen aufzufindender Gegenständlichkeit einzuordnen, obliegt den genannten Arbeiten eine kanalisierte Erscheinung anhaltender Feuchtigkeit: Die Gemälde wirken so, als wären sie durchnässt, gerade erst gemalt oder in einem Zustand präsentiert, dass der Betrachtende glauben mag, dass das Gesehene sich in wenigen Sekunden wieder verflüssigen wird. Diese Form der Illusion erzeugt Kühne jedoch nicht durch malerische Imitation, wie sie beispielsweise in Bildern des deutschen Malers Christian Awe (*1978) aufzufinden ist. Kühne arbeitet die Farbe vielmehr allumfassend von allen Seiten in die Leinwand ein, wodurch es zu einem Abwägungsprozess teils ungewissen Ausgangs kommt. Denn bahnt sich die Farbe ihren Weg auf ähnliche Weise durch die Leinwand, wie Feuchtigkeit in einem Mauerwerk dies tut, entstehen Bereiche teils ungewisser Ausprägung, die nicht intendiert, aber nun unweigerlich präsent sind. Für Kühnes künstlerisches Schaffen ist dieses unvorhersehbare Verhalten jedoch von zentraler Bedeutung. Bei einem Gemälde wie „Branching Decay“ (2024) entsteht so ein Zusammenspiel von zueinander in Beziehung stehenden Farbbereichen, denen aber keine zuvor intendierte Hierarchie auferlegt wurde. Kühne schafft durch ihr künstlerisches Handeln immer wieder Bereiche besonderer Aufmerksamkeit, die an bekannte Gegebenheiten wie Blumen oder anderer Gewächse erinnern. Im Gefüge des gesamten Bildinhaltes sind aber alle Bestanteile als Teil eines Entstehungsprozesses zu begreifen, der nicht zwischen dem einen und dem anderen unterscheidet, sondern stets von einem übergeordneten Ganzen ausgeht.

Jedes noch so unbedeutend erscheinende Detail, jeder Farbspritzer und jede verlaufende Abstraktion besitzen dabei eine Relevanz und jeder Eingriff, der eine Veränderung anstrebt, muss sich der damit verbundenen Konsequenz bewusst werden. Indem Kühne die Auswirkungen des Anorganischen auf ihre Malerei reflektiert und integriert hat, kann sie einen Bildgegenstand entstehen lassen, der die Kräfte der Natur nicht nach- sondern eigens ausbildet. Ihre Arbeiten zeigen keine Beherrschung der Natur auf Grundlage menschlicher Vorstellungen. Es sind vielmehr Verbildlichungen, die den Betrachtenden an die uneingeschränkte Macht der Elemente erinnern lassen. Sie verdeutlichen auf unumgängliche Weise, dass die Elemente – egal, wie der Mensch versucht, sie zu beherrschen – immer einen Weg finden werden, dort präsent zu sein, wo man es nicht zuvor erwartet hat. Katharina Kühnes Kunst erinnert uns an diese grundlegende Gegebenheit und zeigt, dass ein Fortbestehen nur in einem Miteinander möglich ist.

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EGOCENTRIC WONDER // Werkgruppe, Keramik (ab 2020)